Faschismus tötet – Merkmale des russischen Regimes

In einem viel beachteten Essay „Der ewige Faschismus“ beschrieb Umberto Eco 1995, welche Merkmale den „ewigen Faschismus“ ausmachen. Seiner Analyse nach haben die verschiedenen Spielarten des Faschismus unter anderem die folgenden Aspekte gemein:

  • Kult der Überlieferung und das Zusammenfügen von Ideen oder Philosophien zu einem neuen Weltbild
  • Ablehnung der Moderne
  • Angst vor dem Andersartigen
  • Obsession für Verschwörungen
  • die Feinde gleichzeitig als zu schwach und zu stark anzusehen
  • Verachtung der Schwachen
  • Erziehung zum Heldentum
  • Machismo
  • Populismus

Man muss nicht lange suchen, um die von Eco beschriebenen Kennzeichen des Faschismus in den Reden und der Selbstinszenierung Wladimir Putins zu finden – auch wenn er gerade mal nicht mit nacktem Oberkörper durch die Taiga reitet.

[…] das Wohlergehen, die Existenz ganzer Staaten und Völker, ihr Erfolg und ihre Lebensfähigkeit haben ihren Ursprung immer in einem starken Wurzelsystem, ihrer Wertekultur, der Erfahrung ihrer Vorfahren. […] Stärke ist immer gefragt.

[…] Wer auch immer versucht, uns zu behindern, geschweige denn eine Bedrohung für unser Land und unser Volk zu schaffen, muss wissen, dass die Antwort Russlands sofort erfolgen und zu Konsequenzen führen wird, die Sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben.

Wladimir Putin, Rede vom 24.02.2022

Aber die Hinweise auf eine faschistische Gesinnung gehen tiefer als der bloße Anschein. Die von Putin als ideologische Grundlage seines Handelns herangezogenen Theoretiker erfreuen sich auch in weiten Kreisen der europäischen “Neuen Rechten” großer Beliebtheit:

Hier ist zunächst Alexander Dugin zu nennen, der ehemalige Vorsitzende der später verbotenen Nationalbolschewistischen Partei, der bis 2014 an der Moskauer Lomonossow-Universität lehrte. Dugin steuerte zu Putins Weltbild die “Eurasische Idee” bei, die eine Aufteilung des asiatischen Kontinents in eine chinesische und eine russische Einflusssphäre vorsieht. Seine Theorie zeichnet sich durch antiliberales, autoritäres und neoimperiales Großraumdenken aus und soll einen Gegenentwurf zum westlich-liberalen, kosmopolitischen Lebensstil darstellen.

Das Buch „Die Nationalisierung des Rubels. Russlands Weg in die Freiheit“ von Nikolai Starikow, dem Gründer der Allrussischen politischen Partei „Großes Vaterland“, lag auf dem Tisch, als Putin durch Oliver Stone interviewt wurde. Sein verschwörungstheoretisches Werk “Wer hat Hitler gezwungen Stalin zu überfallen?” wird auch über den Online-Shop des rechtsextremen Compact-Verlags verkauft. Starikow hängt dem Ideal einer totalen staatlichen Souveränität an und tritt für ein Russland ein, das kulturell, ökonomisch und militärisch völlig frei vom Westen ist – am liebsten in den Grenzen der Sowjetunion von 1990.

Vor diesem geistigen Hintergrund sind die militärischen Interventionen Russlands in Tschetschenien, Georgien, Belarus und jetzt der Ukraine nur folgerichtig: wer halb Asien als seine Einflusssphäre betrachtet, die es gegen böse äußere Mächte (den Westen) zu verteidigen gilt, sieht sich natürlich im Recht, unliebsame politische Entwicklungen oder Wahlergebnisse auch durch militärisches Eingreifen zu “korrigieren”.

Das Problem besteht darin, dass auf den an uns angrenzenden Gebieten – ich betone, auf unseren eigenen historischen Gebieten – ein uns feindlich gesinntes Anti-Russland geschaffen wird, das unter vollständige Kontrolle von außen gestellt wurde […]. Für unser Land ist es jedoch letztlich eine Frage von Leben und Tod, eine Frage unserer historischen Zukunft als Nation.

Wladimir Putin, Rede vom 24.02.2022

Dass man einen ideologisch so gestärkten Imperialisten nicht durch kleinere Zugeständnisse beschwichtigen kann, hat bereits das “Münchner Abkommen” von 1938 gezeigt, als das Vereinigte Königreich, Italien und Frankreich das bis dahin tschechoslowakische Sudetenland Nazi-Deutschland überlassen hatten, um dieses von einem großen Krieg abzuhalten.

Zum Gesamtbild des faschistischen Weltbildes Wladimir Putins zählt aber auch, dass Russland seit Jahren rechte und rechtsextreme Parteien in Europa unterstützt. Marine Le Pen erhielt 2014 einen Millionenkredit zur Finanzierung ihres Wahlkampfs, die AfD-Vertreter Tino Chrupalla und Alice Weidel waren 2020/21 mehrfach im russischen Außenministerium zu Gast, zwischen der Kreml-Partei “Einiges Russland” und der FPÖ existiert ein Kooperationsvertrag. Dementsprechend überrascht es nicht, dass der Angriffskrieg gegen die Ukraine von Beginn an durch die AfD verteidigt oder zumindest relativiert wird.

Auch in Russland selbst sind rechtsextreme Organisationen deutlich weniger Repressionen ausgesetzt als solche, die sich für mehr Demokratie, Meinungsfreiheit oder Minderheitenrechte einsetzen. So konnte die “Russische Imperiale Bewegung” etwa vom Geheimdienst ungehindert militärische Trainingslager abhalten, an denen auch deutsche Rechtsradikale aus der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ und der Partei “III. Weg” teilnahmen. Auf Einladung der Kreml-treuen Partei Rodina trafen sich 2015 europäische Rechtsradikale von NPD über die griechische “Goldene Morgenröte” bis hin zur britischen National Party mit dem Ziel, eine gemeinsame Plattform gegen die „Bedrohung der Souveränität und der nationalen Identität“ zu schaffen.

Und so, wie faschistisches Freund-Feind-Denken, die Ideen von “natürlichen Lebensräumen” des eigenen Volkes, imperiale Großmacht-Fantasien und Rhetorik von der Minderwertigkeit eines anderen Volkes oder zumindest des politischen Gegners schon in der Vergangenheit zu Krieg und Verfolgung geführt haben, so haben sie auch dieses Mal Europa zielsicher in einen brutalen Krieg gelenkt.

Es ist an uns Allen, dagegen eindeutig Position zu beziehen. Immer.

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