Am 22. Juni: Kaunas – Kennedy – Kiesewetter

Der Krieg gegen die Sowjetunion war der „den größte Gewaltexzess in der modernen Menschheitsgeschichte“
(Wolfram Wette, Historiker)

„Das Vergangene ist nie tot. Es ist nicht einmal vergangen.“
(William Faulkner, Schriftsteller).

Es geschah vor 85 Jahren, fünf Tage nach dem Beginn von Deutschlands Angriffskrieg gegen die Sowjetunion, am 27. Juni 1941 in der litauischen Stadt Kaunus.

Mehr als fünfzig jüdische Männer werden in einer Garagenanlage zusammengetrieben, müssen einzeln vortreten und werden von Litauern mit Eisenstangen zu Tode geprügelt, während die deutschen Soldaten zusehen. Andere spülen mit Wasserschläuchen das Blut der Opfer weg.

„Fall Barbarossa“

Unter dem Codenamen „Fall Barbarossa“ haben zuvor die deutsche Regierung, die Wehrmacht und die SS den Vernichtungskrieg systematisch vorbereitet. Von Anfang an sollen zuerst Juden, Kommunisten und alle Widerstand Leistenden gezielt ermordet werden.

Im Vorfeld wird verfügt, die Ausführung der Verbrechen möglichst den örtlichen Faschisten zu überlassen, immer aber sind die deutschen „Blitzkrieg“-Truppen“ beteiligt, sei es als Schirmherren oder als Mittäter.

Das sogenannte Garagenmassaker war nur eines der zahlreichen Verbrechen in dem baltischen Land, denen schon in den ersten Tagen etwa 800 Juden der deutschen Besatzungsmacht und ihren litauischen Helfern zum Opfer fielen. In Litauen überlebten bis 1944 von 200 000 jüdischen Menschen nur 9000 die Massenmorde.

Ist das Staatsraison ??
Aus Israel und von jüdischen Vereinigungen erhebt sich Kritik an der Heldenverehrung für ukrainische Massenmörder durch Präsident Selenskyi, der auch einer Spezialeinheit den Ehrentitel „Helden der UPA“ verliehen hat (die UPA ermordete unter dem Schutz der Wehrmacht 100 000 Polen und ungezählte Juden). Die Bundesregierung, die ihre Solidarität mit Israel als „Staatsraison“ bewirbt, schweigt zu diesem Geschehen.

An Hunger sollten zudem weitere zig-Millionen Sowjetbürger sterben, deren Nahrungsmittel geraubt und „heim ins Reich“ geschafft wurden. Allein durch die Hungerblockade der Stadt Leningrad starben dort in den folgenden Jahren eine Million Einwohner. Die Völker der Sowjetunion, Russen, Ukrainer, Weißrussen, Balten … verloren 27 Millionen Menschen. Erschossen, verbrannt, vergast, verhungert, zu Tode gequält.

Und heute?

Mitläufer und -täter der Nazis aus dem Land werden heute auch in Litauen als Nationalhelden gefeiert, so etwa Jonas Noreika, nach dem Straßen und auch eine Schule benannt sind. Noreika hat an zahlreichen Massenverbrechen der deutschen und litauischen Faschisten mitgewirkt; seine Enkelin dokumentierte seine Taten, scheiterte aber vor litauischen Gerichten mit dem Anliegen, die Ehrungen ihrers verbrecherischen Großvaters einzustellen.

Professor Pinchos Fridberg, jüdischer Überlebender der Massenmorde in Litauen, sagte der New York Times: „Was auch immer jemand sagt oder tut – solange er gegen Russland ist, ist er ein Held.“

Bundeswehr auf dem Weg nach Osten

Im Wald von Rūdninkai trieben 1944 die SS, die Wehrmacht und ihre Kollaborateure 119 Bewohner des Dorfes Pirčiupiai, darunter 49 Kinder, in einer Scheune zusammen und verbrannten sie bei lebendigem Leibe.

Nur ein paar Kilometer weiter nordöstlich richtet sich seit 2017 die Bundeswehr auf ihrem Truppenübungsplatz „kriegstüchtig“ ein. Aus russischer Perspektive ist das auch ein Aufmarsch.

Laut Außenminister Wadephul wird Russland „immer ein Feind und eine Gefahr“ sein. Anders als 1941 die Sowjetunion, ist Russland aber gerüstet mit tausenden Atomsprengköpfen. Das atomare Patt hatte zur Erkenntnis geführt, dass man verhandeln und Kriege vermeiden muß. Wadephuls Amtsvorgänger, wie etwa Willy Brandt oder Hans-Dietrich Genscher wussten, dass Diplomatie die Kenntnisnahme von Sicherheitsinteressen der Gegenseite voraussetzt. Das ist alles vergessen, jetzt wollen wir nur noch siegen.

In den USA ist man klüger ??
Die heutigen Kalten Krieger wollen wieder mal eben Russland besiegen: Mit der stärksten europäischen Armee und, wenn es sein muss, auch ohne die USA. Die haben vorerst die Lust am Ukrainekrieg verloren - weil zu teuer und ohne nukleares Armageddon im Homeland kaum zu gewinnen. Wadephul, Kiesewetter und ihresgleichen muss John F. Kennedy gemeint haben, als er einem Berater in der Kubakrise 1962 sagte: „Diese Blechköpfe haben einen großen Vorteil. Wenn wir auf sie hören und tun, was sie wollen, ist hinterher niemand von uns mehr am Leben, um ihnen zu sagen, dass sie falsch lagen.“
Endsieg nach 85 Jahren?

Auch ein anderer CDU-Politiker, Kiesewetter, muss nicht mehr selbst den Kopf hinhalten. Er und seine Mitautorin von den Grünen wollen die deutsche Geschichte 85 Jahre nach dem Überfall endgültig entsorgen, indem „Europa sich endlich ein strategisches Ziel setzt: die bedingungslose Kapitulation Russlands … Europa muss daher konsequent auf eine ›Stunde Null‹ Russlands hinarbeiten“.

Solche Sätze muss man zweimal lesen. Was immer man von Putin und seiner Regierung halten mag, ihre Atomwaffen sind ihre Reserve für den Fall einer „existentiellen Bedrohung Russlands“. Kiesewetter & Co. wollen auspropieren, wo die anfängt.

(Die Bilder vom Massaker bei den Lietūkis-Garagen in Kaunas stammen von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, wir haben sie dieser Memorial-Seite entnommen.)

Heute und diese Woche