
Streiktüchtig – die Bewegung gegen die Wehrpflicht
Es ist der 1. Mai 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. 2.000 Jugendliche stehen in Braunschweig im Streik. Denn sie wollen den Krieg nicht mit kaputten Schulen, niedrigen Löhnen und Perspektivlosigkeit bezahlen. Sie wollen nicht im Schützengraben sterben. Am nächsten Tag streiken schon 6.000, und der Streik weitet sich auf weitere Städte aus – nach Halle, Magdeburg und Berlin.
Der unmittelbare Anlass ihres Streiks ist eine Verordnung, mit der der Lohn der Jugendlichen für den Krieg beschlagnahmt wird. Doch der Streik ist schon viel mehr: Er drückt die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Krieg aus, in dem das Menschenleben billig und das Brot teuer wird. Und der Streik zeigt die Kraft der jungen Arbeiterklasse, wenn sie vereint kämpft. Nach fünf Tagen Streik wird die Verordnung zurückgenommen. Und viel wichtiger: Einer der ersten Streiks im Ersten Weltkrieg hat stattgefunden, trotz Verbot, trotz Kriegsrecht.
Den Jugendlichen ist etwas klar geworden: Diejenigen, die ihnen den Lohn wegnehmen, um damit den Krieg zu finanzieren, sind dieselben, die auch an ihren Schulen gekürzt hatten. Es sind dieselben Herren in teuren Anzügen, die für die fehlenden Ausbildungsplätze verantwortlich sind. Es sind diejenigen, die an der Rüstungsproduktion und dem Raubzug gegen andere Länder verdienen und die so vor allem junge Menschen als Kanonenfutter in den Krieg zwingen. Es sind diejenigen, deren eigene Kinder im Luxus leben, aber die Söhne der Arbeiterklasse in den Schützengraben und die Töchter an den Herd und in die Rüstungsproduktion stecken. Sie hießen damals Daimler, Krupp, Deutsche Bank und Kaiser Friedrich Wilhelm II., heute Daimler, Thyssenkrupp, Deutsche Bank und Kanzler Friedrich Merz.
Es ist damals wie heute die Klasse der Reichen, die bei ihrer Jagd nach Profit den Krieg braucht. Heute kürzen sie an Rente und Bürgergeld, schließen Krankenhäuser und lassen die Schulen verfallen. Heute bewilligen sie erneut Kriegskredite. Heute führen sie die Wehrpflicht einmal mehr ein. Wieder geht es um Rohstoffe, Handelsrouten, Absatzmärkte, wieder geht es um Profit. Und wieder sollen wir dafür zahlen: Mit schlechten Löhnen, kaputten Schulen, unserem Leben. Mit der Wehrpflicht sollen wir für den Schützengraben rekrutiert werden.
Doch am 8. Mai 2026 streiken erneut Schülerinnen und Schüler.
Zum dritten Mal – nach den Schulstreiks im Dezember und im März – machen sie deutlich: Wir führen diesen Krieg nicht. Wir wollen eine Zukunft – es ist die Klasse der Reichen, die den Krieg braucht. Wie die Jugendlichen, die 1916 in Braunschweig streikten, sind sie noch weit davon entfernt, die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler oder gar die Mehrheit der Bevölkerung auf die Straße zu bringen.
Die Wehrpflicht wird auch mit diesem Streiktag allein nicht verhindert werden, ebenso wenig wie mit dem Streik 1916 der Erste Weltkrieg beendet wurde. Aber: Der Schulstreik ist ein gewaltiger erster Schritt. Denn er bringt diejenigen auf die Straße, die durch Jugendoffiziere in Schulen, Bundeswehrwerbung und Wehrpflicht im Fokus der Militarisierung stehen. Er bringt diejenigen auf die Straße, die in die Schützengraben gehen und für die Profite sterben sollen.
Die Streiks und Massendemonstrationen 1916 waren der Startschuss für größere, weitere Streiks und Aktionen. Der Weltkrieg dauerte noch zwei Jahre. Für den Frieden war es nötig, dass nicht nur die Jugendlichen, sondern ArbeiterInnen im ganzen Deutschen Reich streikten, dass die Soldaten nicht mehr bereit waren, den Krieg zu führen. Für den Frieden war es nötig, dass aus einzelnen Streiks von einigen tausenden Jugendlichen eine Bewegung gegen den Krieg entstand.
Die Schulstreiks bringen diejenigen auf die Straße, die den Krieg führen sollen. Damit können sie ein Anfang sein, um die Friedens- und die Arbeiterbewegung so stark zu machen, dass sie die Kriegstreiber in der Regierung stoppen können. Denn wer soll den Frieden erkämpfen, wenn nicht wir?
von: Andrea Hornung, SDAJ und Bündnis „Nein zur Wehrpflicht“
aus: Zeitung gegen den Krieg, Nr. 62
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